Warum ein Projekttag zur Geothermie?
Das süddeutsche Molassebecken zählt mit 26 in Betrieb befindlichen Heiz- und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen zu den am intensivsten genutzten hydrothermalen Regionen Europas (Stand Mai 2026). Trotzdem wissen nur rund 40 % der deutschen Bevölkerung, dass Geothermie zur Wärme- und Stromversorgung genutzt werden kann und im Schulunterricht taucht das Thema bislang kaum auf.
Diese Wissenslücke fällt umso stärker ins Gewicht, als der Fachkräftemangel zu den zentralen Herausforderungen für den weiteren Ausbau der Geothermie in Deutschland zählt. Insbesondere Frauen sind in technischen Berufen – auch im Bereich Geothermie – weiterhin deutlich unterrepräsentiert.
Geothermie ist ein interdisziplinäres Thema, das Geologie, Hydrogeologie, Wärmetransport, Bohrtechnik und Energiewirtschaft verbindet. Genau hier setzen wir an: Der Projekttag übersetzt diese Komplexität in anschauliche, experimentelle Formate und ermöglicht Schülerinnen einen niedrigschwelligen, praxisnahen Zugang zu einem Schlüsselthema der Energiewende.
Das Projekt im Überblick
Im Rahmen des Programms TUM Entdeckerinnen der Technischen Universität München haben wir einen eintägigen Geothermie-Projekttag für Schülerinnen entwickelt. Das übergeordnete Programm dient dazu, Mädchen kurz vor ihrer Berufs- oder Studienwahl für MINT-Fächer zu begeistern. Geothermie ist einer von elf Kursen, die an Schulen im ländlichen Raum angeboten werden.
Der Projekttag findet im Format eines „reisenden Klassenzimmers“ statt: Wir kommen mit allen Materialien zur Schule.
Einführungsrunde
Ein Quiz zum Energiesystem und zur Rolle von Versorgungsunternehmen, gefolgt von einer kurzen Einführung in das Konzept der Geothermie.
Escape Game
Zehn aufeinander aufbauende Challenges, in denen die Schülerinnen die geothermische Ressource ihres eigenen Heimatortes identifizieren. Jede Station enthält alle nötigen Materialien und endet mit einer Multiple-Choice-Frage. Nur die richtige Antwort schaltet die nächste Challenge frei. Lernen durch Ausprobieren und Fehler machen ist hier ausdrücklich erwünscht.
Abschlussrunde
Am Modell eines Geothermie-Heizwerks mit messbarem Temperaturanstieg im „Versorgungsgebiet“ werden die Einzelstationen zu einem Gesamtsystem verknüpft. Hinter den Kulissen sind ein „heißer“ Reservoir-Tank und ein „kalter“ Netz-Tank über Aquarienpumpen und einen Wärmetauscher verbunden.

Bild: Das Modell zeigt vereinfacht, was unter unseren Füßen passiert, von den Gesteinsschichten tief im Untergrund bis zur Versorgung von Häusern an der Oberfläche (Quelle: GAB).
Forschen, ausprobieren, verstehen
Jede Challenge greift einen Schlüsselaspekt eines geothermischen Systems auf, wie zum Beispiel:

Geologie: Die Schülerinnen ordnen Gesteinsproben aus dem bayerischen Untergrund den passenden Beschreibungen zu und erkennen, welches Gestein nicht zu Bayern gehört.
Wärmetransport: In einem Experiment mit gefärbtem Wasser beobachten die Schülerinnen, wie sich Wärme im Reservoir ausbreitet, und vergleichen die Geschwindigkeit von Konvektion und Konduktion.
Hydrogeologie: Mit Sand, Kies und Wasser messen die Schülerinnen selbst, wie viel Wasser ein Gestein aufnehmen kann und wie schnell es hindurchfließt.
Reservoirtiefe: Anhand von Daten benachbarter Geothermie-Anlagen schätzen die Schülerinnen mit einfachen geometrischen Mitteln, wie tief das Reservoir unter ihrem Heimatort liegt.
Bohrtechnik: In einem kleinen Modell bohren die Schülerinnen mit Handbohrern durch eine selbst aufgebaute Sedimentabfolge und überlegen, wie sich der Bohrkanal stabilisieren lässt.
Begeisterung wecken, Perspektiven öffnen
Bis heute haben rund 100 Mädchen am Projekttag teilgenommen. Vor dem Projekttag haben die meisten Teilnehmerinnen nur geringe Kenntnisse zum Energiesystem. Insbesondere ist ihnen oft nicht bewusst, wie groß der Wärmebedarf in Mitteleuropa im Vergleich zum Strombedarf ist. Auch erneuerbare Wärmequellen wie die Geothermie sind vielfach unbekannt, selbst dann, wenn sich in der Nähe ihrer Schule eine aktive Bohrung befindet. Komplexe MINT-Themen, insbesondere wenn Mathematik und Geometrie ins Spiel kommen, lösen oft Berührungsängste aus.
Die Aufteilung in zehn überschaubare Challenges macht das Thema greifbar und senkt die Hemmschwelle. Die Teilnehmerinnen verstehen die Rolle lokaler Versorgungsunternehmen, erleben Geowissenschaften als überraschend interessant und treffen auf junge Vorbilder, die ihnen praxisnah und auf Augenhöhe begegnen. Am Ende des Tages haben viele die Erkenntnis mitgenommen, dass eine nachhaltige Zukunft nicht nur eine Frage des Lebensstils ist, sondern auch eine Frage der Berufswahl.



