Südostbayern hat ideale Vorraussetzungen für die Geothermie. Aber warum ist das eigentlich so? Im folgenden zeigen wir detailliert die Standortvorteile des bayrischen Alpenrands und erklären wie Geothermie hier genutzt werden kann.
Das Reservoir (Malm)
Der Kalkstein in etwa 3–4 km Tiefe unter München ist wie ein natürlicher Schwamm: durch Millionen Jahre geologischer Prozesse ist er von feinen Rissen, Spalten und verkarsteten Hohlräumen durchzogen. Heißes Wasser strömt dort von ganz allein. Anders als in vielen anderen Regionen müssen wir nichts „aufbrechen“, um an die Wärme zu kommen. Die Natur hat das Reservoir bereits vorbereitet für uns.

Der Oberjura/Malm erstreckt sich als durchgehender Reservoirhorizont praktisch durch das gesamte Bayerische Molassebecken, ungefähr von der Donau im Norden bis zur Alpenfront im Süden, vom Bodensee-Raum im Westen bis zum unteren Inn/Passau im Osten. Genau deshalb gibt es Geothermie-Anlagen nicht nur im Raum München, sondern u. a. in Pullach, Garching, Unterhaching, Taufkirchen, Holzkirchen, Traunreut, Erding, Weilheim, Kirchweidach – verteilt über ganz Südostbayern.
Untergrundpassagen
Wenn man einen Stein in einen Teich wirft, werden die Wellen mit jedem Meter, den sie zurücklegen, kleiner. Genauso ist es mit Erschütterungen aus der Tiefe auch: 3–4 Kilometer Gestein sind eine lange Reise. Der größte Teil der Energie „verbraucht“ sich auf dem Weg nach oben. Bis die Welle an der Oberfläche ankommt, ist nur noch ein winziger Bruchteil übrig.
Gemessene Scherdehnungsamplituden an der Oberfläche: bis 10 (Csuka et al. 2024). Zum Vergleich: nichtlineares Bodenverhalten setzt erst bei Werten deutlich darüber ein. Der Untergrund reagiert also praktisch linear auf diese Mikrobeben.
Warum die Tiefe entscheidend ist: Seismische Wellen breiten sich durch das Gestein als P- und S-Wellen aus. Auf dem langen Weg von ~3–4 km bis zur Oberfläche verlieren sie durch Materialdämpfung einen erheblichen Teil ihrer Energie. Das ist keine Eigenschaft Bayerns speziell, sondern physikalische Konsequenz der Reservoirtiefe — aber in Bayern fällt sie besonders günstig aus, weil andere Regionen mit flacheren Reservoiren (z.B. Oberrheingraben) diesen Dämpfungsvorteil nicht haben.
Steifigkeit des Bodens
Besonders in und um München ist der Boden besonders steif. Aber was bedeutet das genau?
Der Untergrund von München ist bautechnisch vergleichbar mit einer massiven Holzplatte – nicht mit einem Trampolin. Weicher Boden würde Erschütterungen verstärken, ähnlich wie ein Sprungbrett jede kleine Bewegung aufschaukelt. Der Münchner Boden dagegen „schluckt“ Erschütterungen eher, als dass er sie weiterleitet. Erstmals wissenschaftlich gemessen an drei Stellen (Hauptbahnhof, Pasing, Freiham) – mit durchweg ähnlichen, für bayerische Verhältnisse typischen Werten.

Abb. 68a – Profile an Hauptbahnhof, Pasing, Freiham (zeigt die Ähnlichkeit zwischen den Standorten)
Abb. 68b – Vergleich intrusive vs. nicht-intrusive Verfahren am Standort Freiham (belegt die Messqualität)
Die Abbildungen zeigen, wie sich die Steifigkeit des Untergrunds in München mit der Tiefe verändert. Gemessen wird dies über die sogenannte Scherwellengeschwindigkeit (Vs): Je höher die Geschwindigkeit, desto steifer und fester ist der Boden.
In allen dargestellten Messungen (links) ist zu erkennen, dass die Scherwellengeschwindigkeit mit zunehmender Tiefe deutlich ansteigt. Das bedeutet: Die oberen Bodenschichten sind weich und locker, während der Untergrund in größerer Tiefe zunehmend dichter und stabiler wird.
Besonders im oberen Bereich (bis etwa 20–30 m Tiefe) dominieren lockere Sedimente aus dem Quartär (z. B. Kies, Sand und Ton), die vergleichsweise geringe Steifigkeiten aufweisen. Darunter folgen ältere, stärker verfestigte Schichten (Tertiär), in denen die Geschwindigkeiten deutlich höher sind.
Die rechte Abbildung zeigt zusätzlich, dass verschiedene Messmethoden zu ähnlichen Ergebnissen kommen und bestätigt damit die Zuverlässigkeit der Daten. Gleichzeitig wird deutlich, wie die unterschiedlichen Bodenarten (z. B. Kies, Sand, Ton) die Steifigkeit beeinflussen.
Der Münchener Untergrund ist oben weich und heterogen, wird aber mit der Tiefe deutlich steifer und tragfähiger – ein entscheidender Faktor für Bauprojekte und die Nutzung von Geothermie.
Wie werden Spannungen überwacht?
1. Seismische Netze
Im Großraum München betreibt die Geophysik der LMU das „Betreibernetz tiefe Geothermie“ (Geisinger & Barenth, 2021), das ist ein koordiniertes Stationsnetz, an dem derzeit 15 Geothermiebetreiber beteiligt sind. Das Geophysikalische Observatorium der LMU ist eine zentrale Datenstelle: Es bündelt sowohl betreiberseitige als auch öffentlich betriebene Stationen (Erdbebendienst Bayern), führt automatische und manuelle Erdbebenortungen durch und stellt die Ergebnisse den Betreibern über einen Online-Zugriff (u.a. WebGIS) zur Verfügung. Für die schnellere und sicherere Erkennung wurden zwei ML-Programme, EarthQuakeTransformer (Mousavi et al. 2020) und PhaseNet (Zhu & Beroza 2018), auf die Münchner Verhältnisse trainiert (via SeisBench, Woollam et al. 2022) und laufen bereits im Routinebetrieb mit. Ergänzend wurden 30.000 physikbasierte Erdbebenszenarien vorberechnet und daraus ein Reduced Order Model (ROM) trainiert, das Schütterkarten (PGV-Karten) in Sekunden generiert, damit Betreiber und Behörden nach einem Ereignis sofort wissen, wo wie stark erschüttert wurde.
Quelle: GAB 2.0 Abschlussbericht, Kap. 5.4.2 AP 2.1/2.5/2.6 (S. 99–102) sowie Kap. 7.3 Drittmittelprojekt „Betreibernetz tiefe Geothermie“ (S. 196)
2. Betriebsparameter
Neben den seismischen Daten werden direkt im Anlagensystem kontinuierlich physikalische und chemische Parameter des Thermalwassers erfasst: Temperatur, Fließrate und elektrische Leitfähigkeit. Diese Daten sind relevant für die Reservoirmodellierung: Das geomechanische Simulationsprogramm TIGER modelliert den mehrjährigen Betrieb einer Geothermieanlage, einschließlich der thermohydraulischen Transportprozesse und der Porendruckentwicklung im Reservoir. Die Betriebsparameter sind als Eingangsdaten für diese Modelle unverzichtbar, denn erst über das injizierte Volumen, die Fließrate und die Temperatur lässt sich abschätzen, ob und wo sich im Reservoir ein kritischer Spannungszustand aufbauen könnte. In der Praxis zeigte sich allerdings, dass Echtzeit-Betriebsdaten bisher oft noch nicht systematisch zur Verfügung stehen. Das stellt einen Engpass dar, der im Folgeprojekt ReMol adressiert wird.
Quelle: GAB 2.0 Abschlussbericht, Kap. 5.4.2 AP 2.1 (S. 99–100) sowie Kap. 5.4.3 Verwertungspotential (S. 112–113)
3. Bohrloch-Sensorik / Gebäude-Monitoring
Der One-Pager nennt faseroptische Kabel im Bohrloch. Das Teilprojekt Sozial hat auf der Gebäudeseite einen komplementären Ansatz verfolgt: ein permanentes Gebäude-Monitoring in drei Gebäuden nahe Geothermieanlagen (Gymnasium Garching, Bürogebäude Taufkirchen, Bürogebäude Unterhaching, Kap. 5.7.8). Am Standort Taufkirchen, direkt neben dem Kraftwerk der GeoEnergie Taufkirchen GmbH – wurden Geophone (Menhir-System, Messbereich ±200 mm/s, triaxial) in jedem Stockwerk installiert. Vier induzierte Ereignisse (20./29.11.2023, Mag. 1,3–1,8) konnten aufgezeichnet werden. Die Auswertung im Frequenzbereich zeigt: horizontale Gebäudeschwingungen konzentrieren sich auf 5–7 Hz, vertikale auf ~12,5 Hz. Testmessungen mit Fallgewicht und Hammerschlägen validierten das System; ein Vergleich Geophone vs. Beschleunigungssensoren bestätigte die Übereinstimmung. Der KBFmax-Wert lag selbst beim stärksten Ereignis (Mag. 1,8) bei 0,255 – weit unter dem Grenzwert für mittleren Komfort (1,0).
Quelle: GAB 2.0 Abschlussbericht, Kap. 5.7.8 „Überwachung und Data-Mining von kleinamplitudigen Schwingungen“ (S. 175–177)