Gamechanger für die Geothermie: Neue Chancen für EGS in Deutschland
Workshop der Geothermie-Allianz Bayern beim Geothermiekongress 2025
Am 18. November 2025 veranstaltete die Geothermie-Allianz Bayern (GAB) im Rahmen des Geothermiekongresses in Frankfurt einen hochkarätig besetzten Workshop unter dem Titel „Gamechanger Multistage Stimulation – Neue Chancen für EGS in Deutschland?“. Ziel war es, die jüngsten technologischen Entwicklungen im Bereich Enhanced Geothermal Systems (EGS) zu beleuchten und gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Industrie und Forschung die Perspektiven für den Einsatz dieser Technologie in Deutschland für die Wärmeversorgung zu diskutieren.
Bereits in der Einführung machte die GAB-Projektleiterin und Moderatorin Nora Medgyesi deutlich, dass die Branche vor einem Wendepunkt steht: Die Kombination aus Horizontalbohrungen und mehrstufiger hydraulischer Stimulation eröffnet neue Chancen für die geothermische Energiegewinnung in Regionen, in denen konventionelle Systeme bislang an ihre Grenzen gestoßen sind.
Internationale Vorreiter und technologische Fortschritte
Im ersten Teil des Workshops standen internationale Best-Practice-Beispiele im Mittelpunkt. Christian Gradl (Fervo Energy) präsentierte die Projekte Red und Cape Station, die als Meilensteine für die kommerzielle Umsetzung von EGS gelten. Mit dem Plug-&-Perf-Verfahren konnte Fervo die Machbarkeit mehrstufiger Stimulationen eindrucksvoll nachweisen. Die erzielten Fließraten sind vergleichbar mit den hydrothermalen Projekten im Süddeutschen Molassebecken. Diese Technologie erlaubt zudem eine präzisere Kontrolle der Fließwege und trägt dazu bei, seismische Risiken zu minimieren. Gradl betonte, dass Skalierbarkeit und Planbarkeit entscheidend sind, um wirtschaftliche Risiken zu reduzieren und die Lernkurve zu beschleunigen.
Peter Meier (Geo-Energy Suisse) berichtete von den Fortschritten in der Schweiz. Dort hat sich die Technologie in kristallinem Gestein bewährt, wenngleich die Fließrate derzeit den limitierenden Faktor darstellt. Meier hob die Bedeutung von Echtzeit-Vorhersagen und neuen Konzepten zur Erhöhung der Durchlässigkeit, ähnlich, wie in den USA, hervor. Historisch betrachtet wurden bereits 2012 erste Pilotstandorte genehmigt. Als Antwort auf die Erdbeben in Basel und St. Gallen wurden neue Tools zur Prognose von Seismizität gefordert und entwickelt. Das aktuelle Projekt im Jura soll in den kommenden Jahren ihre Praxistauglichkeit beweisen.
Prof. Thomas Kohl (KIT) ergänzte die technischen Einblicke mit einem Vergleich zur Öl- und Gasindustrie. Trotz ähnlicher Ansätze seien die geologischen Bedingungen in Europa deutlich komplexer. Kohl stellte verschiedene Stimulationsmethoden vor und betonte, dass die Kontrolle induzierter Seismizität heute wesentlich besser funktioniert als noch vor zehn Jahren. Forschungsprojekte wie GeoLaB sollen weitere Erkenntnisse liefern, doch es fehle an Nachwuchskräften.
Die anschließende Podiumsdiskussion der Vortragenden ergänzte Edmund Eswein (Reservoir Performance Stimulation Engineer, SLB Europe) mit fachlichen Impulsen. Im Gespräch wurde deutlich: Die mehrstufige Stimulation gilt international als erfolgreichste Technologie und ist prinzipiell auch unter den geologischen Bedingungen in Deutschland einsetzbar. Voraussetzung ist jedoch eine sorgfältige Standortwahl und die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen. Während das technische Know-how grundsätzlich vorhanden ist, mangelt es an Fachkräften und einem klaren Masterplan für den Aufbau der Industrie. Einigkeit herrschte darüber, dass Pilotprojekte der Schlüssel für den Markthochlauf sind. Nicht zuletzt, um Investitionsrisiken zu senken und Vertrauen in die Technologie zu schaffen.
Gesellschaftliche und wirtschaftliche Perspektiven
Die zweite Session widmete sich der Frage, wie sich EGS in Deutschland skalieren lässt. Anastasia Sidorova und Fabian Uth (GAB) stellten das Mikroprojekt NextGenGeo vor, das eine Roadmap für den Ausbau von EGS mit der möglichen Zeitschiene für Regionen in Deutschland entwickelt. Peter Meier präsentierte Ergebnisse aktueller Simulationstests und erläuterte die Überwachung mittels des amplitudenbasierten Ampel-Systems ATLAS. Das System ermöglicht dank der wahrscheinlichkeitsrechnungsbasierten Vorhersagekomponente eine präzise Kontrolle induzierter Seismizität. Die gemessene Mikroseismizität beim Projekt Jura ist bei den ersten Stimulationstests, wie geplant, weit unterhalb der Spürbarkeitsgrenze, also wesentlich geringer ausgefallen als 18 Jahre zuvor in Basel.
In der darauffolgenden Podiumsdiskussion saßen neben Christian Gradl, Peter Meier und Prof. Thomas Kohl nun Thomas Kölbel (Geschäftsführer Geothermie Bruchsal, EnBW), Julio Kemenyfy (Geschäftsführer Kemco) und Benjamin Richter (Partner Rödl & Partner). In der Diskussion über Fragen aus dem Publikum wurde deutlich, dass Genehmigungsverfahren beschleunigt und Förderinstrumente ausgeweitet werden müssen. Politischer Rückenwind ist vorhanden, doch die Industrie brauche verlässliche Rahmenbedingungen und eine klare Strategie. Die Experten forderten einen Masterplan, der über Regierungszyklen hinaus Bestand hat, sowie eine stärkere Einbindung der Bevölkerung. Transparente Kommunikation und die Vermittlung des Nutzens seien entscheidend für die Akzeptanz und damit für den Erfolg der Wärmewende in Deutschland.
Der Workshop machte deutlich, dass die Chancen für EGS in Deutschland groß sind – technisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Die mehrstufige Stimulation gilt als Schlüsseltechnologie für die nächste Generation der reservoirunabhängigen Geothermie. Induzierte Seismizität ist heute deutlich besser beherrschbar, auch wenn sie nicht vollständig vermeidbar ist. Transparenz und engmaschiges Monitoring sind daher unverzichtbar. Deutschland verfügt über gute Voraussetzungen für den Aufbau einer EGS-Industrie, benötigt aber einen klaren Masterplan und die gezielte Ausbildung von Fachkräften. Ebenso wichtig ist die Akzeptanz in der Bevölkerung, die durch offene Kommunikation, politische Unterstützung und die Einbindung lokaler Akteure gefördert werden muss. Pilotprojekte sind der Hebel für den Markthochlauf und die Reduzierung von Investitionsrisiken. Jetzt gilt es, die Erkenntnisse in konkrete Projekte umzusetzen und die Lernkurve zu beschleunigen. Die Geothermie-Allianz Bayern wird diesen Prozess aktiv begleiten und den Dialog zwischen Wissenschaft, Industrie und Politik weiter fördern.
Zur Information hier der Ablaufplan zum Workshop „Gamechanger Multistage Stimulation – Neue Chancen für EGS in Deutschland?!“
Datum: 18.11.2025
Ort: Geothermiekongress 2025, Frankfurt
Zeit: 14:00 – 17:50 Uhr
14:00 – 14:10
Begrüßung und Einführung
Nora Medgyesi (Geothermie-Allianz Bayern) eröffnet den Workshop
Vorstellung des Themas und Erklärung des Tools Mentimeter
14:10 – 15:40 | Session 1: Technologische Entwicklungen und Multistage Stimulation
14:10 – Vortrag: Überblick technologischer Entwicklungen – Projekte Red & Cape
- Referent: Christian Gradl (Vice President Operations, Fervo Energy)
14:30 – Vortrag: Projekt Geo-Energie Jura
- Referent: Peter Meier (Geschäftsführer, Geo-Energy Suisse)
14:50 – Vortrag: Kontrolle von Seismizität durch Multistage Stimulation
- Referent: Prof. Thomas Kohl (Professor für Geothermal Energy & Reservoir Technology, KIT)
15:00 – Podiumsdiskussion 1: Technologiereife in Deutschland
Experten:
- Christian Gradl (Fervo Energy)
- Peter Meier (Geo-Energy Suisse)
- Thomas Kohl (KIT)
- Edmund Eswein (Reservoir Performance Stimulation Engineer, SLB Europe)
15:40 – 16:10 Kaffeepause
16:10 – 17:50 | Session 2: Gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen
16:10 – Vortrag: Technologienachweis in Deutschland – Mikroprojekt NextGenGeo
- Referent/-innen: Anastasia Sidorova & Fabian Uth (Geothermie-Allianz Bayern, TU München)
16:30 – Vortrag: Vom Pilotprojekt zum Roll-out der EGS-Technologie
- Referent: Peter Meier (Geo-Energy Suisse)
16:50 – Podiumsdiskussion 2: Scaling Up – Wie bauen wir die Industrie in Deutschland auf?
Experten:
- Thomas Kölbel (Geschäftsführer Geothermie Bruchsal, EnBW)
- Julio Kemenyfy (Geschäftsführer Kemco)
- Christian Gradl (Fervo Energy)
- Peter Meier (Geo-Energy Suisse)
- Benjamin Richter (Partner Rödl & Partner)
- Thomas Kohl (KIT)

